Kompetenz für
klinische Forschung

Akademische klinische Forschung im Kontext von SE

Prof. Dr. med. Wolfgang Bethge

Stv. Ärztlicher Direktor Innere Medizin II / Leiter ZKS Tübingen

In der EU gilt eine Erkrankung als selten, wenn nicht mehr als 5 von 10.000 Menschen von ihr betroffen sind. Die akademische klinische Forschung ist für Seltene Erkrankungen (SE) unverzichtbar, um neue Therapieansätze zu entwickeln. Zum Internationalen Tag der Seltenen Erkrankungen gewährt uns Prof. Dr. Wolfgang Bethge Einblicke in diese Forschungsarbeit.

 Als Leiter des ZKS Tübingen ist er seit vielen Jahren in der klinischen Forschung rund um allogene Stammzelltransplantationen und zelluläre Immuntherapien aktiv. Er begleitet unter anderem Studien zu innovativen Therapieansätzen wie der CAR-T-Zell-Therapie. Diese Studien eröffnen Menschen mit Seltenen Erkrankungen neue Behandlungsmöglichkeiten und tragen dazu bei, wirksame Therapieoptionen zu entwickeln.

Im Interview spricht Prof. Dr. Wolfgang Bethge über die methodischen Herausforderungen, die Rolle spezialisierter Studienzentren und die Perspektiven innovativer Therapien für Menschen mit SE.

Da bei klinischen Prüfungen zu Seltenen Erkrankungen verhältnismäßig wenig Patient:innen zur Verfügung stehen, ist die Durchführung anspruchsvoll. Welche methodischen Besonderheiten müssen mit kleinen Patient:innenkollektiven berücksichtigt werden?

Klinische Prüfungen zu Seltenen Erkrankungen stellen hohe methodische Anforderungen, da klassische Studiendesigns mit großen Fallzahlen meist nicht realisierbar sind. Am ZKS Tübingen begleiten wir solche Studien daher gemeinsam mit dem Institut für klinische Epidemiologie und angewandte Biometrie IKEAB Tübingen bereits in der Planung mit statistischer, methodischer und regulatorischer Beratung, um geeignete Endpunkte, Biomarker, Studiendesigns und Auswertungsstrategien festzulegen. Ziel ist es, auch mit kleinen Patient:innenkollektiven valide, regulatorisch belastbare und patientenrelevante Ergebnisse zu erzielen. Hierbei helfen adaptive Designs, Registerdaten, historische Kontrollgruppen und intraindividuelle Vergleiche.

Das ZKS Tübingen kooperiert unter anderem mit dem Zentrum für Seltene Erkrankungen (ZSE) und zeichnet sich durch seine Expertise für Prüfer-initiierte Studien auf dem Gebiet der Seltenen Erkrankungen aus. Welche Rolle spielen spezialisierte Studienzentren für den Erfolg von Prüfungen zu SE?

Spezialisierte Studienzentren wie das ZKS Tübingen sind ein zentraler Erfolgsfaktor für klinische Prüfungen zu Seltenen Erkrankungen. Sie stellen die notwendige Infrastruktur, regulatorische Expertise und Qualitätssicherung bereit, die insbesondere für Prüfer-initiierte Studien essenziell ist.

Durch die enge Kooperation mit dem Zentrum für Seltene Erkrankungen (ZSE Tübingen) können wir klinische Expertise, strukturierte Diagnostik und Studienmanagement eng verzahnen. Diese Bündelung erleichtert nicht nur die notwendige Rekrutierung geeigneter Patient:innen überregional, sondern stellt auch sicher, dass Studien effizient, qualitätsgesichert und patientenzentriert durchgeführt werden. Nicht zuletzt schaffen spezialisierte Zentren Vertrauen – bei Patient:innen, Prüfärzt:innen und Aufsichtsbehörden – und sind damit ein entscheidender Erfolgsfaktor für qualitativ hochwertige Studien.

Mit Blick auf innovative Zell- und Immuntherapien: Welche Entwicklungen sehen Sie als besonders vielversprechend für die klinische Forschung zu SE?

Besonders vielversprechend sind derzeit hochgradig zielgerichtete Therapien, die direkt an den molekularen Ursachen einer Erkrankung ansetzen. Dazu zählen zellbasierte Therapien, aber auch Immuntherapien, die fehlgeleitete oder unzureichende biologische Prozesse gezielt korrigieren.

Für Seltene Erkrankungen ist das besonders relevant, da viele von ihnen auf klar definierte genetische oder immunologische Defekte zurückzuführen sind. Die zunehmende Präzision dieser Therapien eröffnet neue Möglichkeiten, auch bei sehr kleinen Patient:innengruppen klinisch wirksame Behandlungen zu entwickeln.

Für die klinische Forschung bedeutet dies jedoch auch komplexe Studienprotokolle und hohe regulatorische Anforderungen. Hier sehen wir eine wichtige Rolle des ZKS darin, innovative Therapien sicher und strukturiert in frühe klinische Prüfungen zu überführen.

Inwiefern sind neue Therapieformen, wie Gen-, Zell- oder RNA-Techniken, relevant?

Neue Therapieformen wie Gen-, Zell- oder RNA-basierte Ansätze haben das Potenzial, die Behandlung Seltener Erkrankungen grundlegend zu verändern. Statt Symptome zu lindern, zielen sie darauf ab, die Ursache der Erkrankung direkt zu beeinflussen oder zu korrigieren.

Gerade bei monogenetischen Erkrankungen können solche Therapien langfristige oder sogar dauerhafte Effekte erzielen. Für die klinische Forschung bedeutet das allerdings auch neue Herausforderungen – etwa in Bezug auf Studiendesign, Sicherheitsbewertung und Langzeitbeobachtung. Umso wichtiger sind strukturierte klinische Prüfungen unter spezialisierten Bedingungen. Diese neuen Therapieformen erfordern besondere Expertise, etwa im Hinblick auf Sicherheitskonzepte, Langzeitbeobachtungen und regulatorische Anforderungen, die in spezialisierten Studienzentren gebündelt vorgehalten wird.

Zeichnet sich in den kommenden Jahren ein Trend in der klinischen Forschung zu SE ab?

Ja, es zeichnet sich klar ein Trend hin zu personalisierten und molekular definierten Therapiestrategien ab. Die Grenzen zwischen Diagnose und Therapie verschwimmen zunehmend, da genetische und molekulare Charakterisierungen immer stärker die Studienplanung beeinflussen.

Zudem gewinnen internationale Kooperationen, plattformbasierte Studien, hochqualitative Registerstudien und die Nutzung von Real-World-Daten weiter an Bedeutung. Diese Entwicklungen tragen dazu bei, trotz kleiner Patient:innenzahlen effizienter und schneller neue Therapien zu evaluieren.

Die ZKS/KKS des KKS-Netzwerks sehen ihre Rolle zunehmend darin, als methodischer und organisatorischer Knotenpunkt zu fungieren, der akademische Forschung, klinische Expertise und regulatorische Anforderungen zusammenführt.

Was ist Ihre zentrale Botschaft zur Bedeutung der klinischen Forschung für Seltene Erkrankungen?

Klinische Forschung ist für Menschen mit Seltenen Erkrankungen oft der einzige Weg zu wirksamen Therapien. Sie schafft nicht nur neue Behandlungsoptionen, sondern auch Wissen, Sichtbarkeit und Hoffnung für Patient:innen, die lange Zeit insbesondere von der kommerziell orientierten Forschung der Pharmaunternehmen kaum berücksichtigt wurden. Spezialisierte Einrichtungen wie die Mitglieder des KKS-Netzwerks leisten einen entscheidenden Beitrag, indem sie innovative Forschungsansätze in qualitativ hochwertige und sichere klinische Prüfungen überführen.

Nur durch diese strukturierten Rahmenbedingungen können neue Therapien entwickelt und langfristig in die Versorgung von Patient:innen mit Seltenen Erkrankungen integriert werden.